Wie CeNedra zur Druidin wurde

Über meine Kindheit gibt es nicht viel zu berichten, meine Mutter, die eine weise Frau war und meine Stiefmutter, wie ich heute weiß, zog mich mit viel Liebe und Zärtlichkeit auf. Sie lehrte mich den Glauben an Artherk und gab mir ihr Wissen über die Heilkunst weiter.
So gerüstet, schritt ich nun über Arakas und suchte meinen Weg als junge Frau alleine. Ich begann, mich für Magie zu interessieren und befragte verschiedene Weise, die mich die unterschiedlichsten Zauber lehrten.
Ich lernte viele Menschen kennen, die zu meinen Freunden werden sollten und deren Namen ich noch heute in Ehren halte, auch wenn mich einige dieser Freunde schon wieder verlassen haben. Um nur einige zu nennen, möchte ich an Iesch erinnern, der von mir beschützt wurde und nun mich beschützt, Merkurion, der aufrechte Kämpfer, der so oft mit mir über das Leben sprach, Itrin, der mir mit immerwährender Freundlichkeit begegnete, oder auch Luc, der heute immer noch für mich da ist, wenn ich seiner Hilfe bedarf...

In dieser Zeit sah ich auch die ersten Seraphim, ich erstarrte in Ehrfurcht bei ihrem Anblick und verbarg mich hinter Bäumen, wenn eines dieser eindruckvollen Wesen vorbeischritt. Doch schon bald sollte ich lernen, dass es nicht nur Seraphim gibt, die mit engelsgleicher Stimme reden und denen das Gute das Wichtigste ist, sondern auch solche, deren Flügel schwarz wie die Nacht sind, deren Blick mich erzittern ließ... Erst viele Jahre später wurde mir bewusst, dass sich die Gesinnung eines Seraphim nicht an der Farbe seiner Flügel ablesen lässt, doch dies ist eine andere Geschichte...
Zu dieser Zeit wurde mir angst und bang, wenn ich ein solches Wesen nur aus der Ferne sah und ich umging sie in weitem Bogen.
Jedoch hörte ich in den Tavernen und auf den Märkten Geschichten über diese dunklen Seraphim, Geschichten unglaublicher Gewalt, von Mord, Raub und Diebstahl, meine Angst wuchs vor diesen dunklen Wesen. Insbesondere ein Name wurde immer wieder genannt: Sulvalis! Ich war froh, diesem Wesen noch nicht begegnet zu sein...

So wanderte ich über Arakas, erfreute mich meines Lebens und bestand viele Abenteuer, bis mir eines Tages ein Wanderer berichtete, dass es eine weitere Insel gebe, deren Name Rabenfels lautete.
Mein ganzes Leben wurde und wird durch einen großen Wissensdurst geprägt und mein Ziel war sonnenklar: Ich wollte diese Insel kennenlernen, neue Menschen treffen, neue Städte sehen... So suchte ich lange und fand einen Eremiten, dessen Vertrauen ich gewinnen konnte und der mich schließlich zu einem Magier sandte, welcher mich auf diese neue Insel teleportierte.
Wie staunte ich, als ich mich in einem neuen Tempel zu Artherks Lob wiederfand, der noch viel größer und schöner als jene in Lichthafen und Sturmkante war. Lange stand ich nur sprachlos und bestaunte diese Wunder, doch dann begann ich diese neue Stadt zu erkunden und stieß schon bald auf ein Schloss, welches meine kühnsten Vorstellungen über die Baukunst menschlicher Wesen übertraf.
Vorsichtig trat ich ein und erforschte einen Raum nach dem anderen, sprach mit den Bewohnern und erfuhr so nach und nach, dass sich unter diesem Schloss ein Keller befand, in dem es von grausamen Monstern nur so wimmelte. Gerne wollte ich den verängstigten Bewohnern helfen und meine erlernten Zauber zur Hilfe einsetzen. So begab ich mich todesmutig in diesen Keller und erblickte Kreaturen, die nicht mehr zu retten waren und denen nur noch der Tod Erlösung bringen konnte.
Stunde um Stunde, Tag um Tag kämpfte ich hier, meist allein, doch auch manchesmal von Freunden besucht.
In einer einsamen Stunde spürte ich, wie in meiner Nähe ein Zauber gewirkt wurde und hoffte, dass mich jemand besuchen würde. So eilte ich in den Raum, in dem ich den Zauber fühlte. Kaum hatte ich ihn betreten, erstarrte ich und erblickte zum ersten Mal den Seraphim, der als die Inkarnation des Bösen bezeichnet wurde, von dem ich soviel gehört hatte und der mir solche Furcht einflößte... Ich versuchte, mich leise davon zu schleichen, doch hatten mich die glutroten Augen schon erblickt... Es gab keine Möglichkeit zu fliehen und so fand ich in meinem Inneren die Kraft, diesem ungeheuerlichen Blick standzuhalten. Ich zitterte, doch würde ich keine Angst zeigen! So standen wir lange Aug’ in Aug’, ohne dass etwas geschah... Meine Gefühle sind auch heute noch kaum beschreibbar, Angst, Hilflosigkeit, doch auch Neugier auf dieses Wesen, welches allen so verhasst war.
*Lächelt in Gedanken versunken*
Dann überwand ich meine Angst, da ich dem Tod ins Auge geblickt hatte und grüßte den dunklen Magier Sulvalis mit einem zittrigen Lächeln.
Er blickte mich wahrlich erstaunt an und grüßte mich ebenso, er tötete mich nicht, obwohl ich die Frechheit besessen hatte, ihn anzusprechen. Doch ich ging noch weiter, fragte ihn, ob ich ihm einige Fragen stellen dürfe und er nickte stumm.
So näherte ich mich ihm und begann zu fragen, wieso er so böse sei, warum er andere Menschen und Seraphim töte, was seine Seele bewege... Sulvalis antwortete mir, berichtete von seinem tiefen Glauben an Ogrimar, von seiner Liebe zu seiner Gilde, von seinem brennenden Wunsch, Ogrimars Willen zu verwirklichen. So sprachen wir Stunde um Stunde in diesem dunklen Schlosskeller, ich stellte immer neue Fragen und er antwortete mir geduldig.
Ich begann vor Kälte zu zittern und als er dies bemerkte, bot er mir an, mich mit seinen Flügeln zu wärmen. Erneut flackerte Furcht in mir auf, doch ich überwand diese und begab mich in seine Wärme und seinen Schutz. Immer tiefer wurden unsere Gespräche, wir diskutierten und merkten dabei nicht, wie uns geschah. Schon lange empfand ich keine Angst mehr vor diesem mächtigen Magier Ogrimars, nein, Zuneigung keimte in meinem Herzen auf, und auch in seinen Augen war kein Hass mehr zu erkennen.
Immer inniger wurde unsere Umarmung und bald empfing ich in diesem Schlosskeller meinen ersten Kuss, dessen Feuer mich fast verbrannte und mir die Sinne raubte.
Heiß durchlief es mich und ich versuchte mich voller Schrecken über das Unmögliche, das geschah, aus seinen Armen und seinen Schwingen zu befreien, die mich sanft hielten, doch mit einem erneuten Kuss beschwichtigte er mich und ich vergaß meine Bedenken. Wir wanderten im Schutz der Dunkelheit durch Silberstreif und nur die Augen der wilden Tiere verfolgten unsere Gespräche und unser Tun in dieser Nacht.
So kam es, dass Sulvalis und ich uns ineinander verliebten. Doch wir wussten, dass diese Liebe immer im Geheimen bleiben musste, denn wäre sie bekannt geworden, hätte dies unser beider Tod bedeutet, da er einer Gilde angehörte, die eine Verbindung zu einer Artherkgläubigen nicht dulden würde...
Wir fanden jedoch immer wieder Möglichkeiten, uns zu sehen und teilten unsere Gedanken, Wünsche und Vorstellungen miteinander. So wuchs in mir ein Verständnis für andere Götter. Ich lernte, dass jedes Wesen, jedes Sein einen Zwilling besitzt, ja sogar besitzen muss, um das Gleichgewicht des Universums aufrecht zu erhalten. Ich lernte, dass in jedem menschlichen Wesen beide Seiten, das Gute wie auch das Böse existieren und sich der Mensch bewusst für eine Seite entscheiden kann...
Diese Dinge und noch vieles mehr lehrte mich dieser Magier, der mein Herz erobert hatte und von dem ich doch wusste, dass er niemals mein Leben mit mir teilen würde, obwohl er bereit war, seine Gilde für mich zu verlassen. Dieses Opfer konnte ich gleichwohl nicht annehmen, da ich ihn damit eines Teils seines Wesens beraubt hätte und er nicht mehr derselbe gewesen wäre.
Trotz des Wissens um die Aussichtslosigkeit unserer Liebe traf es mich eines Tages wie ein Blitz, als er mich aufsuchte und ich seinen Blick sah. Unendliche Traurigkeit und Verzweiflung lagen darin. Wir gingen zu einem einsamen Platz und er erzählte mir, dass seine Gilde einen Ruf an alle gesandt habe, sich von Weltentau nach Silberstreif zu begeben und er diesem Ruf folgen müsse. Mein Herz erstarrte bei diesen Worten, doch dann begann er, von Silberstreif zu berichten und bat mich, ihn zu begleiten. Meine Seele war hin- und hergerissen, ich wusste nicht, was zu tun war, so bat ich um ein wenig Geduld und zog mich alleine in die Wälder zurück, um mein Herz und mein Gewissen zu erforschen.
Sollte ich meiner Liebe folgen, die mich zu einem Leben im Schatten der Angst vor Entdeckung verbannen würde, alle meine Freunde zurücklassen, oder sollte ich bleiben, um mein erworbenes Wissen zu verbreiten und so stark zu werden, dass ich ausgleichend wirken könnte?
Unter Höllenqualen traf ich eine Entscheidung... Und blieb auf Weltentau.
Sulvalis nahm einen Teil meines Herzens mit sich und ich floh voller Verzweiflung vor allen Menschen und Seraphim, um einsam durch die Wälder zu wandern und mein inneres Gleichgewicht wiederzufinden. Meine Liebe, mein neu erlerntes Wissen, meine Unsicherheit kämpften in mir.
Ich vernachlässigte mich, aß nichts, mein Äußeres verwahrloste. In diesem Zustand traf ich einen alten Druiden, der eine innere Ruhe ausstrahlte, welche mich fesselte.
Er blickte mich an und bat mich mit einer einladenden Handbewegung zu sich. Schüchtern nahm ich an seinem Feuer Platz und er setzte mir frisches Brot mit kaltem Braten vor. Ich schlang hungrig herunter, was er mir anbot, während er wortlos neben mir saß.
Kaum hatte ich den ärgsten Hunger gestillt, begann ich zu weinen und ihm meine Geschichte zu erzählen, nichts ließ ich aus und er lauschte meinen Worten ohne Abscheu oder Wut. All mein Kummer, meine Ängste, meine Liebe zu Sulvalis und zu meiner Welt flossen durch die Worte aus mir heraus...
Als ich erschöpft am Feuer zusammensank, sprach er zu mir: „Du hast eine schwere Prüfung überstanden, bist deiner Bestimmung gefolgt und hast dafür deiner Liebe entsagt. Bleibe bei mir und ich werde dich lehren, eine nie gekannte Stärke aus deinen Schmerzen zu ziehen!“
Meine verweinten Augen bohrten sich in die seinen, welche blau wie ein kalter Bergsee waren und ich las darin die Hoffnung, Gerechtigkeit und Verständnis in die Welt zu bringen...
So blieb ich bei ihm und er lehrte mich, mein neues Wissen über Artherk und Ogrimar zu bündeln und zum Vorteil der Lebewesen einzusetzen. Durch ihn wurde ich darin bestärkt, den Weg des Feuers zu gehen, den auch mein Geliebter beschritten hatte und so eine immerwährende Verbindung zu Sulvalis herzustellen, auch wenn dies nicht der althergebrachte Weg der Druiden ist.
Lange und schwere Prüfungen musste ich bestehen, über die ich hier nicht sprechen kann, doch dann war es soweit: Der Druide nannte mich „Schwester“.
Nun war ich erneut bereit, in die Welt zurückzukehren, an inneren Narben reich, doch auch an neuem Wissen und mit Verständnis für die Wesen der Welt und das Göttliche.
Ich wanderte lange Jahre über Althea, half, wenn es in meiner Macht lag und mein Wissen wuchs stetig.
Viele Männer warben um mich, doch keiner konnte den Schmerz durchdringen, der mein Herz umschloss... Doch eines Tages wurde mir bewusst, dass auch hinter dieser langen Zeit des Schmerzes ein Sinn stand, denn ich begegnete Beregorn, dem es behutsam gelang, meine Freundschaft und meine Liebe zu erringen. Nun weiß ich, dass mein Herz nach einer verlorenen Liebe nur auf dieses Wesen gewartet hatte...
Dies also ist ein Teil der Geschichte von CeNedra D’Aray, der Druidin...

(C) CeNedra D'Aray

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