Ich bin kerNawaa
Ich bin kerNawaa, aus Fremden Land...
Und es ist nicht leicht, aufzuwachsen wo jeder andere kerNadschigg ist, aus Unserem Land. Doch laßt mich am Anfang der Geschichte beginnen.
Ich wuchs auf bei den Nesseri. Die Nesseri glauben, daß die Gute Frau Mond in den Dunkelmondnächten auf der Erde wandelt. In einer solchen Nacht war es, daß Kell, der Schmied, ein Kind fand auf der Schwelle seines Hauses - mich. Er brachte mich zu Elanna, seiner geliebten Frau. Diese hatte bereits viele Sommer zur Guten Frau Mond um ein Kind gefleht und sah mich dankbar als Antwort auf ihre Gebete an. So gab sie mir den Namen Sho'ona, Mondtochter.
Jeder andere außer meinen Pflegeeltern rief mich jedoch kerNawaa, aus Fremdem Land. Wer es gut mit mir meinte, nannte mich immerhin "kleine kerNawaa", aber das waren nicht viele. Ihr müßt wissen, bei den Nesseri bedeutet fremd meist zugleich feindlich, je nach Betonung.
Und ich war fremd. Schon mein Äußeres ist anders. Die Nesseri sind recht groß und sehen eher durchscheinend, filigran, aus. Ich jedoch bin kleiner als alle Nesseri, die ich je sah. Auch mein Körperbau ist kräftig, muskulös. Alle Nesseri haben gelbe Augen und bleiches Haar, mein Auge strahlt blau und mein Haar ist dunkel.
Auch mein Verhalten war nicht so, wie es von einer Nesseri-Tochter erwartet wird. Ich versteckte mich nicht hinter den Röcken meiner Elanna-Mutter, senkte nicht den Blick und sprach, wann ich wollte.
Kell ist Schmied am Hofe des Königs der Nesseri. Zusammen mit den anderen Kindern des königlichen Haushalts wurde ich unterrichtet vom Druiden des Königs. Schon bald bemerkte er, daß ich intelligenter war als die anderen Kinder. Er gab mir zusätzlichen Unterricht in fremden Sprachen und anderen Dingen. Er lehrte mich sogar das Lesen und Schreiben, ungewöhnlich für eine Nesseri-Tochter.
Nie fand jemand heraus, wie ich in jener Nacht zu meinen Pflegeeltern kam. Der Korb, in dem ich abgelegt wurde, enthielt keinen Hinweis auf meine Herkunft. Nur eine besonders gearbeitete Brosche wurde darin gefunden. Kell erzählte mir, daß er selbst während seiner Wanderzeit, die ihn in ferne Länder geführt hatte, nie etwas so wunderschönes gesehen hätte.
Er gewöhnte sich an, diese Brosche jedem Fremden zu zeigen, der an den Hof des Königs kam. Oft kamen fremde Ritter mit Aufträgen für besondere Waffen zu ihm. Auch diesen zeigte er die Brosche. Nie gab es jemanden, der etwas ähnliches gekannt hätte.
Eines Tages geschah etwas Seltsames. Von Kindesbeinen an war mein Lieblingsaufenthalt bei meinem Kell-Vater in der Schmiede. Es war dort schön warm und ich war fasziniert davon, wie er aus einfachem Erz die wunderbarsten Dinge, vor allem Waffen, fertigte. Meine Elanna-Mutter war beruhigt, daß ich in guter Obhut war, war sie doch die Wehmutter der ganzen Gegend und häufig unterwegs.
An diesem besonderen Tag, es muß in meinem 12. Sommer gewesen sein, kam ein Fremder in meines Vaters Schmiede, der war so merkwürdig gekleidet wie ich noch niemals vorher jemanden sah. Auch diesem Fremden zeigte mein Vater die Brosche.
Der Fremde fragte ihn sofort, sichtlich erschrocken, woher sie wäre. Mein Vater zeigte auf mich und erklärte es ihm. Daraufhin zog der Fremde meinen Vater in eine Ecke der Schmiede und redete lange auf ihn ein. Ich strengte mich zwar an, bekam aber nur einige Worte mit. "Gefahr", "leichtsinnig", "wenn Ihr alt seid" und "Schutz" mehr konnte ich nicht verstehen. Er übergab meinem Vater noch einen Beutel, verneigte sich und ging dann, nach einem langen Blick auf mich, wieder fort.
Ich fragte meinen Vater, über was sie denn geredet hätten. Er brummte nur etwas in seinen Bart wie: das würdest du doch nicht verstehen, und ging wieder an seine Arbeit.
Aber von diesem Tage an änderte sich etwas in meinem Leben. Immer und immer wieder hatte ich meinen Vater gedrängt, mir doch den Gebrauch der Waffen, die er fertigte, zu erklären. Er hatte das stets abgelehnt mit dem Hinweis, daß dies nun wirklich ungehörig für eine Nesseri-Tochter wäre.
Nun aber begann er, mich zu unterrichten. Wir gingen dafür tief in den Wald hinein und übten auf einer Wiese, so daß es nie jemand bemerkte, nicht einmal meine Mutter. Nach einigen Jahren, es war mein 17. Sommer, schmiedete er mir ein Schwert, so wunderschön, wie ich vorher keins sah. Er fertigte es genau nach meinen Maßen, der Griff lag mir wie festgeschmiedet in der Hand. Er übergab es mir nach einer besonders anstrengenden Übungsstunde und meinte, er könne mich nun nichts mehr lehren, meine Ausbildung sei abgeschlossen.
Mit den Jahren war ich zu einer recht hübschen jungen Frau herangewachsen. So mancher Jüngling machte sich an mich heran. Aber ich merkte sehr bald, daß sie wohl durchaus eine Nacht im Heu des königlichen Pferdestalles mit mir verbringen wollten. Aber ich bin kerNawaa, so was heiratet man doch nicht.
Meine Elanna-Mutter meinte häufig, ich sei zu anspruchsvoll, keiner wäre mir recht und für mich müsse es wohl der junge Prinz sein. Nun ja, der junge Prinz nahm die Prinzessin des Nachbarreiches zur Gemahlin.
Im Frühjahr vor meinem 19. Sommer bat ich meine Pflegeeltern, mich in die Welt hinaus ziehen zu lassen. Ich fühlte mich fremder denn je und verspürte ein immer stärkeres Verlangen, zu versuchen, meine wahren Eltern zu finden. Zunächst wollten sie davon nichts wissen, aber nach einigen Wochen ließen sie mich gehen.
Kell-Vater gab mir nun den Beutel, den ihm der Fremde vor Jahren in der Schmiede überlassen hatte. Er enthielt eine hübsche Summe Gold. Auf meine Frage, wer denn der Fremde gewesen sei, antwortete Kell, das wisse er selbst nicht. Der Fremde hätte damals nur gesagt, der heutige Tag würde kommen und dann solle er mir den Beutel mitgeben. Auch die Brosche sollte ich mit mir nehmen, sie aber stets vor allen Blicken verborgen halten und sie nur hervorholen, wenn ich eines Tages ähnliche Stücke sehen sollte. Dann aber sollte ich sie offen tragen. Mehr dürfe er mir nicht erzählen, zu meiner eigenen Sicherheit.
Elanna-Mutter gab mir noch neue Kleidung und reichlich Proviant mit auf den Weg. Auch mein Schwert vergaß ich nicht.
Dies war der Abschied von meinen geliebten Pflegeeltern, die ich seitdem auch niemals wiedersah.
Seit diesem Tag bin ich nun fast drei Jahre gewandert. Ich habe viele fremde Länder gesehen und erstaunliche Dinge sind mir begegnet, von denen kein Nesseri je gehört hat. Während der ganzen Zeit habe ich nie jemanden getroffen, der mir ähnlich sah oder meiner Brosche ähnliche Schmuckstücke trug.
In einem Kampf gegen feige Räuber verlor ich eines schlechten Tages das Schwert, daß mein Vater mir geschmiedet hatte. Danach mußte ich mir eine neue Waffe besorgen, die leider sehr minderwertig war.
Ich hatte es mir wohl zu einfach vorgestellt, meine wirklichen Eltern zu finden. Inzwischen wäre ich schon froh, wenn ich einen Ort fände, der ein neues Zuhause für mich werden könnte.
Vor einigen Wochen begegnete ich Herrn Thear deNuit, der mir den Weg ins Land Althea wies. Er meinte, es könnte sein, daß ich niemals meine Eltern finde. Aber im Land Althea fände jeder Freunde und ich habe inzwischen erfahren dürfen, daß er damit recht hat.
Vielleicht.... ja, vielleicht ist dieses schöne Land meine neue Heimat.
Ich bin kerNawaa, aus Fremden Land...
(C) Shoona Jhana
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